Prävention zur Kindeswohlgefährdung:

Der Bund deutscher Kriminalbeamte kam vor einigen Wochen auf mich zu, mit der Frage, ob ich als Kinderpsychologe und Psychotherapeut ihre Präventionskampagne zum Thema „sichere Kindheit – Verantwortung Gesellschaft“ unterstützen möchte.

„Natürlich“, antwortete ich dem zuvorkommenden Herrn am Telefon des Fachverlags für polizeibezogene Publikationen. Das Thema seelische und körperliche Unversehrtheit und Gesundheit im Kindesalter ist schließlich ein Hauptanliegen der kinder- und jugendpsychologischen Praxen. 

Wir versuchen täglich, einen Beitrag dazu zu leisten, damit Kinder ein klein wenig unbeschwerter durchs Leben kommen und vor allem seelisch gesund aufwachsen können. Kinder sind ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Wir alle sind Teil derselben. 

Das Familiensystem ist das direkte Bezugssystem des Kindes. Das Kind lernt von seinen Eltern. Die Eltern sind das soziale Modell. Was lernt das Kind? Es lernt all das, was Sie tun und nicht tun, wie Sie mit Ihrem Partner, Ihrer Partnerin umgehen, mit den Großeltern und Freunden und selbstverständlich, wie Sie mit sich selbst umgehen. 

Das heißt auch, dass das Kind lernt, wenn beispielsweise Gefühle und dahinter liegende Bedürfnisse Platz haben dürfen oder der berühmte „Indianer“ keinen Schmerz kennen darf. Damit sind alle Eltern und Bezugspersonen immer mitverantwortlich für das Wohlergehen des Kindes.

Eltern und die dem Kind nahestehenden Bezugspersonen werden daher in den Psychotherapie- und Beratungsprozess immer mit einbezogen. Die täglichen Erfahrungsbedingugen und familiären Interaktionsbeziehungen werden wertschätzend auf den Prüfstand gestellt. Sie werden auf ihre Funktionalität oder Abträglichkeit hin hintefragt. 

„Wie würde es Ihnen ergehen, wenn man so mit Ihnen sprechen würde, wenn Sie sich gerade traurig fühlen? Wie würde es Ihnen ergehen, wenn Sie eine wertschätzende Reaktion erwarten und mit Desinteresse abgestraft werden, weil gerade wieder das Telefon klingelt?“

Reicht es also nicht, wenn man sich „einfach nur“ um das Kind kümmert ohne sein eigenes Verhalten und dessen Auswirkungen selbst einmal unter die Lupe zu nehmen? Sie kennen die Antwort!

Wenn die Art des alltäglichen Miteinanders schon seelisches Leid und Schmerz (mit-)verursachen kann, wie ist es dann wohl bei körperlicher und emotionaler Übergriffigkeit, Gewalt und Missbrauch. Dabei ist emotionaler Missbrauch leider kein Deut besser oder gar zu verharmlosen.

In der Kinderpsychologie sehen wir emotionale Kindeswohlgefährdung bereits bei Streit zwischen den Eltern, wenn Eltern aufgrund eigener Kränkungen und Verletzungen beginnen, Kinder in die elterlichen Auseinandersetzungen mit einzubeziehen. Sie schüren damit unmerklich Loyalitätskonflikte, Ängste und Unsicherheit, sprechen über Erwachsenenthemen, die ein Kind in seiner Entwicklung massiv schaden können und ungeheure innere Konflikte produzieren, die lange Zeit im Inneren des Kindes schwelen. 

Seelischer Schmerz ist meist noch schlimmer als körperlicher Schmerz, weil er häufig wiederkehrend ist. Er hört nicht auf, solange man nichts an den Umweltbedingungen ändert und beginnt, sich mit dem Leid professionell auseinanderzusetzen. Sie wussten es bestimmt bereits, dass bei Menschen das Schmerzzentrum im Gehirn aktiviert wird, wenn sie sich ausgegrenzt oder gedemütigt fühlen; immer wenn man nun an das Ausgrenzungserlebnis denkt, erfahren die Betroffenen erneuten Schmerz.  

In der Präventionskampagne des Bundes deutscher Kriminalbeamte geht es vor allem um eins:
Aufklärungsarbeit zu leisten, um Kinder und Jugendliche noch besser vor emotionalen und sexuellen Übergriffen schützen zu können. Da sind wir alle gefordert. Hinschauen, das offene Gespräch suchen statt Wegschauen!

Die Broschüre enthält Hintergrundinformationen, aber auch wertvolle Tips und Anregungen für Eltern, Pädagogen und alle, die Verantwortung für sich und die Gesellschaft übernehmen möchten, damit Kindern rechtzeitig geholfen werden kann. Frühwarnsymptome zu erkennen, ist wichtig. Die Motive von Tätern zu erfahren, hilft adäquate Vorkehrungen zu treffen.

In der Praxis der Kinderpsychologie sehen wir ein breites Symptomspektrum. Woher diese Symptome kommen, gilt es herauszufinden. Wir nennen das Exploration. Was ist die Logik hinter einem bestimmten Verhalten und Erleben eines Kindes? Wie wächst das Kind auf? Welchen Lebens- und Interaktionsbedingungen ist das Kind täglich ausgesetzt?

Typische Symptome sind:

 

  • überangepasstes, eingeschüchtertes Verhalten
  • überdrehtes, impulsives Verhalten
  • sozialer Rückzug 
  • ausgeprägte Autostimulation in Form von Nägelkauen, sich selbst beißen oder kneifen
  • Selbstverletzung
  • unangemessenes Nähe-Distanz Verhalten (übervorsichtig oder aufdringlich)
  • Interessens- und Freudlosigkeit 
  • Schlafstörungen 
  • plötzliches Einnässen
  • unerklärliche Verletzungen
  • „merkwürdige“, kaum nachvollziehbare Geschichten

Der Ausschnitt der genannten Symptome weisen auf ein seelisches Leid hin. Ob es sich um akute Kindeswohlgefährdung und übelgriffiges Verhalten als Auslöser handelt, lässt sich an Hand der Symptomatik noch nicht sagen. Denn es kann viele Ursachen geben, die den Organismus des Kindes veranlassen, nach außen hin beobachtbare Symptome zu produzieren. 

Auf jeden Fall ist immer ein offenes, behutsames und vertrauensvolles abklärendes, auf die Bedürfnisse und den Entwicklungsstand des Kindes angepasstes Gespräch in einer Beratungsstelle, einem Kinderpsychologen oder Kinderpsychiater angeraten. 

In der Praxis hat sich behutsame, schützende Offenheit und Enttabuisierung bewährt sowie ein dezidierter Veränderungsfokus. Auswege aus möglichen Loyalitätsfallen, Schamgefühlen und seelischem Schmerz gilt es zu finden – und zwar schnell. Je früher man pathologische, also körperlich und seelisch krankmachende Umweltbedingungen und Interaktionsgeschehnisse unterbinden kann, desto besser. Es ist wichtig, Sicherheit zu vermitteln, Hoffnung auf Lösung zu geben und klare (Behandlungs-) Wege aufzuzeigen, damit sich erstens der  betroffene Heranwachsende ab jetzt und in Zukunft selbst besser schützen kann und zweitens die seelischen Wunden möglichst rasch abheilen können.

 

Weiterführende Information finden Sie unter:

 

  • Bund Deutscher Kriminalbeamter www.bdk.de
    KRIPO-Tipps, Fachthema: Sichere Kindheit
  • Polizeipräsidium München
    Beauftragte für Frauen und Kinder, Kommissariat 105,
    Tel: 089- 2910 44 44
  • Deutscher Kinderschutzbund Landesverband Bayern e.V.
    Tel: 089- 9200089-0
  • Sicheres Leben e.V. gegen Gewalt und Opferschutz
    Notruf-Tel.: 0800- 6522265